Jede Abhängigkeitserkrankung stellt eine individuelle Veränderung der Art und Weise dar, wie Menschen sich und ihre Welt erleben. Um dies verständlich zu machen haben Leib-phänomenologie und Kreative Therapie hilf-reiche Modelle und Methoden in der Begleitung und Betreuung Suchtkranker entwickelt.

 

Jede Sucht zeigt eine andere Ausprägung, ein eigenes Gesicht, denn Abhängigkeitsentwicklungen haben vielerlei Ursachen. Die Wege in ei-ne Suchterkrankung hinein sind individuell und verschieden ebenso wie die Wege, die aus einer Abhängigkeit hinaus führen. Süchtiges Verhalten kann als ein möglicher –aber ungeeigneter und fehlge-schlagener- Versuch gesehen werden zur Selbstheilung oder als wirksame und nachvollziehbare -aber unzulängliche- Bewältigungs- und Lösungsstrategie zu den Anforderungen des Lebens. Langfristig greift eine Abhängigkeitserkrankung tief in die Persönlichkeitsentwick-lung und in das Selbstbewusstsein eines jeden Betroffenen ein: Gefühle können nicht mehr differenziert wahrgenommen oder adäquat gesteuert werden, das "Normale" nicht mehr geschätzt, überhaupt das Leben nicht mehr geliebt werden. In der Therapie ist dann eine be-stimmte Qualität des Gegenübers förderlich, damit Gefühle, Wünsche und Bedürfnisse (wieder) als eigene wahrgenommen und beschrieben werden können. Angst, Trauer und Einsamkeit, Wut und Langeweile, Freude und Glück gehören zu den wichtigen- zuweilen überwältigen-den Affekten unseres Lebens. Hierbei hatte das Suchtmittel den Auftrag regulierend bzw. mildernd einzugreifen, was aber irgendwann in ein Empfinden innerer Leere mündete. In der therapeutischen Beziehung gilt es der Frage nach zugehen, was kann nicht ausgehalten werden? Warum ist es nötig zu trinken oder einen Rückfall zu haben? Wofür braucht es Halt?

Das Leben bietet nicht nur Erfreuliches, sondern neben der Anstrengung auch Entbehrungen, Enttäuschungen und Frustrationen. Allein die Furcht vor Ausgrenzung und Zurückgewiesen werden schwächt das Selbstbild. Suchtmittel fungieren hier als Tröster, süchtige Prozesse hingegen sind obendrein mit andauernder Kränkung und Enttäuschung verbunden, was mit einer enormen Anspannung und erhöhter Wachsamkeit für ein erneutes mögliches Versagen einher geht- für die Betroffenen selbst, wie auch für Angehörige und Betreuer. Die Anstrengung, das Leben ohne Suchtmittel zu bewältigen, führt in erneute Krisen. Was brauchen wir Menschen, um Krisen bewältigen zu können? Was kann uns zur Minderung von Anspannung verhelfen?

Und - Im Umgang mit Abhängigkeitskranken geht es immer vorrangig

darum: Wo befindet sich der Betroffene in der Realität, worin nicht? Vermag er sich selbst, seine Situation, sein Verhalten und das des anderen zu beschreiben? Worin ist er in einer Fantasiewelt? Dies gilt im Besonderen auch in der erhöhten/erniedrigten Einschätzung zur eigenen Leistungsfähigkeit und der unrealistischen Erwartungen an sich und an andere. Es bedarf in der therapeutischen Beziehung des Spie-gelns und Gegenüber seins, damit der Betroffene das eigene Verhalten

beobachten und reflektieren (lernen) kann, um sich selbst zu hinter-fragen und um das eigene Verhalten in Bezug zum Verhalten anderer setzen zu können. Wie kann Selbstfürsorge, Selbstverantwortung und Selbstabgrenzung angemessen gelingen? Was verhilft zu einem realis-tischeren Selbstbild und zu Selbstwert? In der Begleitung Suchterkrankter ist eine besondere Qualität des "gegenüber seins" gefordert, die den Betroffenen immer wieder  an seine Eigenverant-wortung, gekoppelt an Echtheit und Aufrichtigkeit,  erinnert, um das Dickicht an Vermeidung und Verleugnung zu durchdringen. Der Blick auf Beziehungen zu anderen, auf frühe Bindungs- und Beziehungs(mangel)erfahrungen sind in der Begleitung von Abhängigkeitskranken von besonderer Bedeutung. Es zeigen sich festgefahrene Muster der Beziehungsgestaltung und anhalten-der Suchtmittelmissbrauch führt unweigerlich zu Rückzug, Beziehungsunfähigkeit und zu Beziehungs-abbrüchen und der Zerstörung von Familien und Bindungen. Ursache wie Folge  zugleich sind Einsamkeits- und Leereerfahrungen.  Die Betroffenen schwanken zwischen Rückzug und der Sehn-sucht noch irgendetwas schaffen zu können, zwischen versorgt werden und Autonomiebestreben, zwischen Misstrauen und Vertrauen. Zugleich ist eine große Sehnsucht nach Beziehung, nach Anerkennung und Resonanz spürbar.  Diesen Themen und Fragestellungen sind die  Seminare zugeordnet.